Agnes Witte

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Texte für alltägliche und besondere Anlässe

Barbies islamische Schwester geht nur mit Kopftuch aus

Entworfen in Syrien, beliebt in Ägypten, hergestellt in China, vermarktet fast wie in den USA: die Puppe Fulla, eine brave Freundin

VON ANDREA NÜSSE

Frankfurter Rundschau, 20.1.2006

Sie hat dunkle Augen, dunkle Haare und endlose Beine. Sie trägt hochhackige Schuhe, eng anliegende und sexy wirkende Hosen und T-Shirts. Allerdings hat sie eine Körbchengröße weniger als Barbie. Und sie besitzt keine Mini-Röcke oder Bikinis – alle Gewänder reichen bis übers Knie. Wenn sie das Haus verlässt, zieht sie die schwarze Abbaya mit Kopftuch an, das bodenlange Gewand, das Frauen in den Golfstaaten tragen. Einen Gebetsteppich hat sie auch immer dabei.

Spiegel der Gesellschaft

Die Fulla ist die nahöstliche Variante der Barbie-Puppe, die sich in der arabischen Welt zum Verkaufsschlager entwickelt hat. Mehr als zwei Millionen Exemplare sollen seit zwei Jahren verkauft worden sein. Besonders zum Opferfest, das die islamische Welt kürzlich feierte, waren die „muslimischen“ Plastikpuppen gefragt. „Viele Eltern ziehen die Fulla vor, weil sie mehr den islamischen Werten entspricht“, sagt Marwan Abdallah, der in einem großen Spielwarenladen in Kairo arbeitet. Das überrascht wenig, da doch mindestens 70 Prozent der ägyptischen Frauen mittlerweile verschleiert sind. Auch berühmte Film- und Fernsehstars erregen immer wieder Aufsehen, indem sie neuerdings das Haar bedecken. Damit repräsentiert die Fulla einen Trend zu Verschleierung, der in den meisten arabisch-islamischen Ländern spürbar ist.

Entworfen hat Fulla das in Syrien ansässige Design-Büro „New Boy“, nachdem Saudi-Arabien die Barbie-Puppe wegen ihrer „wenig bedeckenden Kleider und beschämenden Posen“ verbannt hatte. Hergestellt wird sie wie die Barbie in China, aber sie ist deutlich billiger als die US-Cousine: 119 statt 250 ägyptische Pfund (18 statt 35 Euro). Das ursprünglich extrem konservative Kleiderset wurde für Ägyptens und Jordaniens Markt erweitert: „Moderner“, sagt Ahmad Mohammed, der im „Spielzeug-Palast“ im Oberschichtviertel Maadi-Digla die Puppen verkauft. Hier allerdings ist die Fulla, benannt nach einer Jasminsorte, nur eine Puppen unter anderen. Neben der Barbie gibt es die freche Bratz (ebenfalls aus den USA) und die deutsche Babyborn. „Viele unserer Kundinnen wollen westliche, importierte Produkte und keine lokalen“, erklärt der Verkäufer.

Damit stehen Barbie und Fulla auch für den Kulturkampf in der arabischen Welt. Allerdings wirkt Fulla zwischen westlichen Idealen und angeblich islamischen Vorschriften ebenso hin- und hergerissen wie viele ägyptische Mädchen: Sie tragen hautenge Hosen und Blusen, aber ein züchtiges Kopftuch darüber. Modetrends wie Ethno-Look oder Sportswear sind bei ihnen beliebt wie im Westen – nur die Ärmel sind länger, und es gibt teils gleich das passende Kopftuch dazu. Eine eigenständige, authentische Mode, die sich von der oft verpönten westlichen Kultur abhebt: Fehlanzeige. Außer dem Ausgehmantel, der einfach alles verdeckt.

Fulla betet und backt

Die Erfinder der Fulla haben sich von Mattel, der Barbie-Puppen-Firma, noch mehr abgeschaut: Sie verwandelten Fulla dank massiver Werbung in eine Marke. Es gibt Fulla-Plastikbecher, Fulla-Badelatschen, rosa-grüne Fulla-Fahrräder, sogar Fulla-Cornflakes. Das Fahrrad für Vierjährige ist nicht nur teuer – umgerechnet 90 Euro -, die Verpackung zeigt zudem ein blondes Mädchen, das so gar nicht aussieht wie junge Ägypterinnen. „Sie ist liebevoll, umsichtig, bescheiden und respektiert ihre Eltern“, erklären die Designer. Fulla betet, backt Kuchen, liest. Das entspricht in etwa dem konservativen Frauenbild vieler Muslime. Und natürlich hat Fulla keinen männlichen Freund wie Barbies Ken – dafür aber zwei Freundinnen. Und die Firma denkt darüber nach, einen beschützenden Bruder zu schaffen.

Aber auch die islamische Barbie soll nicht auf die Hausfrauenrolle beschränkt werden. Ein Kleiderset für Fulla als Ärztin oder Lehrerin haben die Hersteller in Planung: „Das sind respektable Berufe für Mädchen.“

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Dokument erstellt am 19.01.2006 um 17:12:17 Uhr

Erscheinungsdatum 20.01.2006

Frankfurter Rundschau, 20.1.2006, http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/aus_aller_welt/?cnt=790770