Agnes Witte

Agnes Witte

Texte für alltägliche und besondere Anlässe

Die erste Rede, die je eine Abgeordnete in einem deutschen Parlament gehalten hat, kam von einer Sozialdemokratin: Marie Juchacz war es, am 19. Februar 1919 in der Weimarer Nationalversammlung. Marie Juchacz gründete später die Arbeiterwohlfahrt und ihre Schwester, die Abgeordnete Elisabeth Röhl, forderte – vergeblich – eine Gleichstellung unverheirateter Mütter und deren Kinder mit Ehefrauen und ehelichen Kindern.

Die Schwestern waren nicht die einzigen Powerfrauen in der ersten Nationalversammlung: Luise Schroeder aus Altona war auch dabei, Sozialdemokratin wie Juchacz und spätere amtierende Oberbürgermeisterin Berlins. Anna von Gierke möchte ich nennen, Mitbegründerin und zweite Vorsitzende des 5. Wohlfahrtsverbandes, aus dem der heutige Paritätische Wohlfahrtsverband entstand. Anna Gierke gehört gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Isa Gruner zu den Wegbereiterinnen der modernen Jugendhilfe. Und eine der drei Schleswig-Holsteinischen Abgeordneten in der Weimarer Nationalversammlung, Wilhelmine Kähler aus Kellinghusen, war die erste Frau, die jeweils in der Spitze einer Gewerkschaft vertreten war – gemeinsam unter anderem mit Carl Legien. Helene Weber, schließlich, Zentrumspolitikerin, wirkte gleich an zwei Verfassungen mit: 1919 war sie beteiligt an der Weimarer Verfassung. Nach dem Faschismus  wurde sie eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“ im Parlamentarischen Rat, beteiligte sich am Aufbau der CDU und war Mitbegründerin der heutigen Frauenunion.

Sie waren schon ganz besonders, die ersten weiblichen Abgeordneten der verfassunggebenden Weimarer Nationalversammlung. Und es lastete ein enormer Erfolgsdruck auf ihnen. Mit der Novemberrevolution ins Zentrum der neuen Macht gespült, kristallisierte sich an ihnen der jahrelange, jahrzehntelange Kampf um das Frauenwahlrecht. Die Wahlbeteiligung war mit 83 Prozent sehr hoch und entsprechend hoch die Erwartungen der Bevölkerung.

Die überwiegende Zahl der rund 40 Parlamentarierinnen gehörte einer der beiden sozialdemokratischen Parteien an. Bürgerliche Frauenbewegung und proletarische Frauenbewegung hatten sich lange aneinander gerieben, und nicht immer nett.

Am 12. November 1918 wurde das Frauenwahlrecht verkündet. Schon kurz davor erreichte die erste Frau in Deutschland ein Ministeramt:

Minna Faßhauer war vom 10. November 1918 bis zum 22. Februar 1919 für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) in der Sozialistischen Republik Braunschweig Volkskommissarin für Volksbildung. Minna Faßhauers Ministerzeit endete, als die Räteregierung in Braunschweig durch eine Koalition aus USPD und SPD abgelöst wurde. Und wenn ich ihre politischen Schwerpunkte in diesen vier revolutionären Monaten betrachte, ist so einiges dabei, das sich auch unsere Bildungsministerinnen und Bildungsminister von heute auf die Fahnen geschrieben haben: Der Kampf für die Einheitsschule – wie sie  damals hieß – gehört dazu, ebenso die Einrichtung von Volkskindergärten. Und zur Erfüllung der Forderung von Elisabeth Röhl von 1919 hat im Jahr 2008  Bundesjustizministerin Zypries mit noch einer Weiterentwicklung des Unterhaltsrechts beigetragen.

Bedeutet das, wir haben kaum Fortschritte gemacht in den letzten 90 Jahren?

Doch, das haben wir. Das Wahlrecht für Frauen reiht sich ein in eine Geschichte der Entwicklung von Bürgerrechten und sozialen Errungenschaften, Geschichte wird gemacht, und wir Frauen sind mittendrin – ob in den Parlamenten oder anderswo.

Marie Juchacz hatte in der Sache Recht, als sie in ihrer ersten Rede zum Thema „Frauenfrage“ sagte:

„Der politische Kampf, der immer bestehen bleiben wird, wird sich von nun an in anderen Formen abspielen.“

Es sind nicht immer freundliche Formen, in denen sich das abspielt.

Dennoch dehnen wir Frauen den Raum, den wir beanspruchen, immer weiter aus. Und in der Regel sind es die jeweils ersten unter uns, die für Nachfolgende Spielräume, Gestaltungsräume, Machträume öffnen.

Die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis hat für jedes Mädchen, jede junge Frau sichtbar gemacht, dass eine Frau an der Spitze stehen kann, sie hat den Raum, innerhalb dessen eine Frau sich bewegen kann, für künftige Politikerinnen erweitert. Virginia Woolfs berühmtes „Eigenes Zimmer“ kann durchaus, das haben wir von Heide Simonis gelernt, das Amtszimmer einer Regierungschefin sein, in dem keine Literatur produziert wird sondern Politik.

Heide Simonis war eine Erste, und ihr Vorbild ist ein Versprechen an die Zukunft.

Wenn wir 90 Jahre zurückblicken, wenn wir bilanzieren, was wir bis heute erreicht haben und wenn wir dann den Blick 90 Jahre nach vorn richten, ist ganz deutlich, dass das, was uns Frauen antreibt, das, was immer wieder Erste hervorbringt, sich gar nicht so sehr verändert. Ich bin Sozialdemokratin und für mich sind es Werte wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität.

Immer wieder wird es Erste geben, wie Ministerpräsidentin Simonis, wie Volkskommissarin Minna Faßhauer, wie die erste Rednerin in einem deutschen Nationalparlament  Marie Juchacz, wie die erste amtierende Oberbürgermeisterin Luise Schroeder, wie Elisabeth Schwarzhaupt, erste Bundesministerin, wie die erste Frauenministerin Gisela Böhrk hier in Schleswig-Holstein, wie Bundeskanzlerin Merkel.

Diesen Frauen ist viel gelungen, auch viel Unterschiedliches, und auch etwas Gemeinsames: Auf ihre Weise ist jede von ihnen aus der Rolle gefallen.

Vielleicht ist es das: Nicht jede kann eine Erste sein. Aber jede kann den Raum nutzen, den die Ersten ihr gezeigt haben, sie kann ihre Werte in neue Rollen, neue Räume tragen. Vielleicht ist es auch die Freude am Anderssein, die Erste produziert und vielleicht ist es die Freude, einen vorbereiteten Raum zu füllen, der andere nachfolgen lässt.

Wenn ich mir die Zukunft vorstelle, die Welt in 90 Jahren, wird sie von Vielfalt geprägt sein. Ich bin fest überzeugt, dass Frauen die Räume nutzen werden, die die Ersten für sie eröffnet haben. Sie werden das nicht immer auf genau die Weise tun, die wir uns wünschen. Sie werden viele Dinge auf eine Weise entscheiden, die wir als zu zaghaft, als nicht zielführend oder sogar als Rückschritt wahrnehmen.

Ich bin als Sozialdemokratin überzeugt, dass unsere Werte Gerechtigkeit, Solidarität, Nachhaltigkeit dazu taugen, uns in die Zukunft zu tragen. Allein die pure Existenz des Frauenwahlrechts schärft über Generationen ein Bewusstsein dafür, die Wahl zu haben. Das kann dazu führen, dass eine wählt, aus ihrer Rolle in eine andere zu wechseln. Es kann auch einfach mal bedeuten, dass Wählerinnen entscheiden, nicht zur Wahl zu gehen. Ich möchte jedoch davor warnen, diese Entscheidungen als „gut“ oder „schlecht“ zu beurteilen. Vielleicht sind einfach die Alternativen, die wir anbieten, nicht so, dass Wählerinnen den Eindruck haben, eine Wahl zu haben. Und das ist zu einem guten Teil unsere Verantwortung.

Wenn wir eines gelernt haben in den letzten  Jahren ist es, dass materielle Rechte oft nicht ausreichen. Die Ausgestaltung von Rechten orientiert sich, wie sollte es anderes sein, an der Lebenswirklichkeit derer, die sie gewähren.

„Das Werkzeug des Meisters wird niemals das Haus des Meisters niederreißen,“

schrieb die Feminismustheoretikerin Audre Lorde.

Richtig. Kein Weg führt daran vorbei, selbst nach der Macht zu greifen. Rechte stellvertretend für andere wahrzunehmen ist ganz schwierig. Und wer nicht selbst Verantwortung übernimmt, sich einmischt und mitstreitet, wird es auf Dauer schwer haben, die eigenen Interessen durchzusetzen.

Wenn ich also versuche, ein paar Jahrzehnte in die Zukunft zu blicken, auf die nächsten „90 Jahre Frauenwahlrecht“, wünsche ich mir, dass noch mehr Frauen die Rechte nutzen, die wir haben. Ich wünsche mir, dass wir Frauen den Wert von Solidarität neu beleben, dass wir füreinander einstehen, dass wir andere dabei unterstützen, die Räume zu erkunden, die die „Ersten“ für uns geöffnet haben und dass wir den Mut haben, Macht auszuüben, wenn wir sie in der Hand haben.


Die Rede wurde erstellt für einen Vortrag der Abgeordneten Sandra Redmann anlässlich des 90. Jahrestages der Verkündung des Frauenwahlrechts am 12. November 1918. Die Veranstaltung fand im Schleswig-Holsteinischen Landtag statt. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Erlaubnis von Sandra Redmann, Abgeordnete im Schleswig-Holsteinischen Landtag.