Agnes Witte

Agnes Witte

Texte für alltägliche und besondere Anlässe

Cyberpunk ist wieder da: das fast vergessene Genre-im-Genre, erfunden in den frühen Achtzigern, zur Perfektion gebracht von William Gibson mit seinem Kultroman Neuromancer und jetzt – nach einigen eher schlaffen Nachahmungen von jenseits des großen Teichs – Myra Çakan, eine waschechte Hamburgerin (!) mit ihrem neuen Buch When the Music’s over. Cyberpunk, das war High Tech gemischt mit Punkkultur, mit jungen Leuten, aggressiv, desillusioniert, befremdet vom Establishment mit seinen eingefahrenen Ritualen und seinem Besitzstandsdenken, mit Subkultur, Drogen, eigenen Träumen, die gleich heute wahr werden sollten. Nun sind die Träume der frühen Achtziger nicht die der späten Neunziger: Die Welt ist ein bisschen weiter heruntergekommen, die Politik korrupter, die Reichen mächtiger und skrupelloser, und so verwundert es nicht, dass in Myra Çakans Roman alles noch düsterer ist, verkommener und hoffnungsloser.

Zur Story: globale Erwärmung, Europa ist überschwemmt, die Welt von Aliens okkupiert, der Katastrophentourismus blüht. Skadi, eine junge Nordländerin, kommt nach Hamburg, um in der Fremde Sylvester zu feiern. Neugierig ist sie auf die große Welt, glaubt an’s Gute und bringt eine ordentliche Portion davon mit. Sie lernt Garfield kennen, den Jungen, der von den Resten der Royal Shakespeare-Company adoptiert wurde, Sunshine, die Anführerin einer Gruppe von Guerilleras, Wiesel, den genialen Hacker, den depressiven Rockstar Blue und gerät mitten hinein in eine Revolte der verratenen, zynischen Jugendlichen ohne Mission, ohne Ziel. Rasant die Handlung, rasant das Erzähltempo, dramatisch die Ereignisse, so ist Myra Çakans Roman. Super geschrieben, mit lauter kleinen und größeren Anspielungen auf Menschen, Bücher, Filme, die wir alle irgendwoher kennen. Das Buch taugt echt zum Kult.

Myra Çakan: When the Music’s over; Argument Verlag