Agnes Witte

Agnes Witte

Texte für alltägliche und besondere Anlässe

Notizen zur Vorbereitung des Workshops Perform: Ökonomie – Sexualität – Geschlecht in Berlin am 7. und 8. Dezember 2007

– eine Tagung von Antke Engel in Kooperation mit Stefanie v. Schnurbein (HU Berlin, Nordeuropa Institut) und Renate Lorenz / Volker Woltersdorff (FU Berlin, SFB Kulturen des Performativen) –

Alltagssprache mit Sexualität und Ökonomie

„Sogar Industrie macht sexy“

(30.10.2007 Neues Deutschland)

Es gibt eine Kampagne „Firefox macht sexy!“,

„Wirtschaft – spannend und sexy“

schreibt die Autorin Anja Förster über ihre Erwartungen zu einer Veranstaltung des Ulmer Forum Unternehmerinnen, und

… „leicht zugänglich“, „aufregend“, „außergewöhnlich“

(1.10.2007) auf starke-wirkung.de.

Judith Lembke jubelt

„Linux ist sexy!“

(29.10.2004), faz.net, und zwar, genauer gesagt:

„„jung, innovativ und dynamisch“

Öl macht „sexy“, weil

… „attraktiv für Investoren“,

(6.10.2002) Deutsche Welle,
und Prof. Bernd Venohr, Professor für Strategisches Management an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin punktete im November 2007 bei der IHK Berlin mit:

»Berlin ist reich und sexy!«

Er meinte damit

… „erfolgreich“, „Profiteure der Globalisierung“

(Quelle: Berliner Wirtschaft Ausg. Nov. 2007)
Tatsächlich fand Wowereits Bemerkung vom „armen und sexy“ Berlin zwar viel Beachtung, aber nicht bei der klassischen Ökonomie. Das merkte auch die Presse.

„Von wegen „arm und sexy“: In Berlin ist das Verschuldungs-Risiko besonders häufig, was nicht eben anziehend wirkt.“

(20.7.2007) Welt online.

Und wie verändert die Ökonomie unsere Betrachtung einer Sprache als „sexy“?

Ist eine Sprache – neudeutsch gesprochen – sexy, wenn sie weltweit gesprochen wird? Ist eine Sprache nicht (mehr) sexy, wenn sie gegenüber einer lingua franca globalisierter Ökonomie quantitativ „an Boden verliert“?

fragte Wormer, Jörg (2007), KulturZeitRaum. Das Feuilleton der ZIF. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online] 12: 1, 7 S.

Sexualisierte Sprache oder sexuelle Sprache, wenn es um Wirtschaft geht?

  • Frage: Ist das Sprechen über Ökonomie sexualisiert oder ist es sexuell?
  • Frage: Wenn sexuelle Begriffe für Beschreibung ökonomischer Sachverhalte verwendet werden:
    Wessen Sexualität ist es, die dafür herangezogen wird? (Liest sich nicht wie die Beschreibung der Sexualität von Lesben über 50 beispielsweise!)
    Sexualisierung:
    die Betrachtung eines Objektes unter sexuellen Gesichtspunkten bzw. unter dem Aspekt der Sexualität, besonders wenn dieses Objekt diese Betrachtung von sich aus nicht evoziert.“ (Wikipedia)
  • Frage: Evoziert Wirtschaft / Ökonomie wirklich keine sexuelle Betrachtung? Oder sind die beiden Felder (sprachlich / von der Motivation her etc.) so eng verwoben, dass das jeweils andere implizit ist?
    Oder historisch? Rühren ökonomische Sprache in Sexualbeziehungen und sexuelle Sprache in der Ökonomie möglicherweise daher, dass die direkte Verbindung zwischen Sexualität und Ökonomie seit der frühen Neuzeit mit der Emotionalisierung von Sexualbeziehungen und der Entfremdung in der modernen Ökonomie verloren zu gehen „droht“? (festhalten)
    Und war (in der frühen Neuzeit) ökonomischer Erfolg abhängig von Sexualbeziehungen oder waren Sexualbeziehungen eine Folge ökonomischer Verbünde?

Ökonomie und Sexualbeziehungen im politischen Kontext

Starker Regelungsbedarf bei fortschreitender Trennung von Sexualität und Ökonomie, z.B. eigenständige Alterssicherung, Steuerklassenfragen, Unterhaltsrecht, eingetragene Lebenspartnerschaften (Backlash?), Lohngerechtigkeit / Antidiskriminierung im Arbeitsleben, Bedarfsgemeinschaften, Grundsicherung im Alter, demographischer Wandel, Prostitutionsrecht …

und, im nicht-materiellen Bereich: Diskussion sexuelle Selbstbestimmung, …

Thesen

Ökonomie, Sexualität und Geschlecht sind nicht getrennt.

Ökonomische Begriffe beim Sprechen über Sexualität und sexuelle Begriffe in der Beschreibung ökonomischer Zusammenhänge sind Ausdruck eines Bemühens, die Sphären zusammen zu halten und ihrer Entfremdung entgegenzuwirken

Kapitalismus braucht Heteronormativität (nicht)

Eigentlich braucht der Kapitalismus Heteronormativität / Zwangsheterosexualität nicht, wenn der Staat die eigenständige ökonomische Absicherung von Bürgerinnen und Bürgern reguliert und von ihrer Sexualität und ihrem Geschlecht entkoppelt (das „merkt“ er auch schon, deshalb nehmen Diversity-Konzepte mehr Raum ein: Mensch kapitalistisch-idealerweise als ökonomisch individualisiertes, sexuell selbstbestimmtes Subjekt)

Wachstum vs. Stabilität, Entflechtung vs. Werte

aber: Kapitalismus lebt nicht nur von Wachstum, sondern auch von Stabilität. Während er von der Entflechtung von Sexualität und Ökonomie profitiert, stabilisiert sich ein Werte-Kanon an Stelle früherer ökonomisch-sexueller Verbindungen → Sexualität wird zwar ent-ökonomisiert, aber ersatzweise mit einem Wertesystem normiert (erstaunlicherweise (?) erneut ökonomisch, Werbung, Besitz, was-ist-„sexy“ etc., Stichwort: Warenförmigkeit und Ausbeutung von Sexualität für den Konsum) Die zunehmende sexuelle Erregung benötigt der Kapitalismus für die fortwährende Ausbreitung sexueller Verdinglichung und die Kontrolle der Subjekte. (Kollontai)

Fragen:

  • Wem nützt eine Trennung, wem Unzertrennbarkeit von Sexualität, Ökonomie, Geschlecht?
  • Gäbe es ohne Sexualität überhaupt nennenswerte Ökonomie? Wozu?
  • Gäbe es ohne festgelegte Geschlechter überhaupt nennenswerte Ökonomie? Wozu?
  • Welche Funktion hätte Sexualität ohne Ökonomie? Und wozu Geschlechter definieren?

Nachbemerkung:
2009 hat Antke Engel bei transcript ein Buch zum Thema veröffentlicht:
„Bilder von Sexualität und Ökonomie. Queere kulturelle Politiken im Neoliberalismus“