Agnes Witte

Agnes Witte

Texte für alltägliche und besondere Anlässe

1                 Einleitung

Eine Frau zu sein bedeutet, ein Wesen zu sein, das zwar möglicherweise eine Vergangenheit, aber auf gar keinen Fall eine Geschichte hat. Ich werde das kurz erklären:

Zu Beginn der Geschichte, eigentlich noch davor, nämlich in der Vorgeschichte, gab es die Höhlenmenschen, starke, der grausamen Umwelt heldenhaft trotzende Män­ner, die in unermüdlichem Fleiß für ihre Kinder und Frauen sorgten, wenn sie letzere nicht (die Vorgeschichte war unkultiviert) an den Haaren in die Höhlen schleiften. Später begannen diese Männer, Felder zu bewirtschaften und Viehherden zu halten, damit die Frauen, die den ganzen Tag zu Hause saßen, ihre Freude daran haben sollten. Die altägyptischen Männer bauten Pyramiden, die griechischen Männer philosophierten entweder miteinander oder führten Kriege mit den trojanischen Männern. Dort gab es zwar Frauen, die jedoch nichts als Schabernack im Kopf hatten und unsere Helden beständig zu betören versuchten und sie auf den Meeren irreleiteten, jedoch gelang es glücklicherweise mit List und Tücke, dem unsäglichen Spuk ein für allemal ein Ende zu machen.

Die ersten römischen Männer raubten die Sabinerin­nen, von denen bekannt ist, daß sie heilfroh waren, ihr anstrengendes Leben, das sie vorher in eigener Verant­wortung führen mußten, gegen den Luxus auszutauschen, der einer Patrizierin zustand. Viel später kam das Mittelalter, in dem sich Handwerk und Kunst entwickelten. Die mittelalterlichen Menschen sorgten für ihre Frauen. Es gab welche, die sich widersetzten, jedoch bekam die Menschheit derartige unerklärliche Auswüchse glücklicherweise bald in den Griff.

In der Neuzeit, um einige Jahrhunderte mit Kriegen, in denen die Männer … (s.o.) zu überspringen, bekam die Menschheit durch die Segnungen der Buchdruckerkunst ganz neue Perspektiven. Es wurden herausragende Werke verfaßt, deren Wert von niemandem, aber auch wirklich niemandem bestritten werden kann. An dieser Stelle sollen nur einige Namen genannt werden: Kant, Goethe, Schiller, Heine, Marx, Kafka, Böll und Grass (die nicht genannten Herren mögen verzeihen, es ist nur die unbedeutende exemplarische Auswahl einer Amateurin).

Kurz gesagt, es ist möglich, die Schule zu durchwandern, ohne mehr als ein oder zweimal den Namen einer Frau in einem bedeutenden Zusammenhang vernommen zu haben. Frauen existierten nie. Genaugenommen existieren sie auch heute nicht, oder nur einige: der Bundeskanzler ist ein Mann (alle Bundeskanzler waren Männer), der amerikanische Präsident ist ein Mann (alle amerikanischen Präsidenten …), das Taschengeld gibt es vom Vater. Ein Mädchen muß sich wundern, daß sie existiert (existiert sie wirklich?)

Von daher müsste jeder Gedanke, jeder Traum, den eine Frau hegt und in dem es ihr gut geht, in dem sie sich wohl fühlt, in dem sie bedeutend ist, ein utopischer sein: sie denkt etwas, das es nach ihren Erfahrungen nicht geben kann. In der Utopie ist das anders: in der Utopie lassen sich Gedanken zu anderen Welten formulieren, die es nicht geben kann, nicht geben darf, … aber geben wird.

1.1                  Vorbemerkung

„For some of us, feminist criticism originated in a recognition of our love for woman writers“,

schreibt Kaplan in ihrem Aufsatz Varieties of feminist criticism[1]. Ein anderer Ansatzpunkt besteht für sie in der Not­wendigkeit, die Unterdrückung, Fehlinterpretation und Trivialisierung sowohl der Werke von Schriftstellerinnen als auch der Darstellung von Frauencharakteren bei männlichen Autoren aufzudecken[2]. Diesen Ansatz vertritt auch LeGuin, wenn sie feststellt, es sei Sache der Frauen, etwas gegen ihre schlechte Repräsentation in der Literaturwissenschaft zu tun, denn, so LeGuin, die traditionelle Literaturwissenschaft zeige dahingehend keinerlei Bereitschaft:

„The English profs keep sweeping our work under the rug, but that rug is about three feet of the floor by now, and things are coming out from under it and eating the English profs. Housework is woman’s work, right? Well, it’s time to shake the rugs.“[3]

Ein Aufbruch in der feministischen Literaturwissenschaft, wie er von den genannten Autorinnen gefordert wird, läßt sich anhand der großen Anzahl von Veröffentlichungen der letzten Jahre nach­vollziehen. Diesem Aufbruch ging jedoch der der Schriftstellerinnen voraus, die insbesondere seit dem Beginn der neuen Frauenbewegung in den sechziger Jahren nicht nur starke weibliche Charaktere in der Literatur entwickelten, sondern darüber hinaus Fragestellungen behandelten, die speziell für Frauen eine erhebliche Relevanz aufweisen[4]. Ein Aspekt hierbei besteht in der literarischen Entwicklung von Alternativen zu derzeitigen Lebensbedingungen, wie sie von Theore­tikerinnen der neuen Frauenbewegung, beispielsweise von Firestone, gefordert werden[5].

Neue Ansätze in der Literaturwissenschaft unterscheiden sich nicht notwendigerweise nur in den behandelten Inhalten und in der Intention von traditioneller Literaturwissenschaft, sondern sie können sich auch in anderer Form präsentieren. Kaplan beispielsweise betont die Wichtigkeit persönlichen Engagements für die Arbeit der feministischen Literaturwis­senschaftlerin[6]. Moi stellt heraus, daß keinerlei Literaturkritik wertfrei ist, weil jeder Mensch eine individuelle Ausgangsbasis hat, die kulturell, sozial, politisch und persönlich geprägt ist. Sie formuliert daraus einen grundlegenden Anspruch:

“ (…) the only democratic procedure is to supply the reader with all necessary information about  the limitations of one’s own perspective at the outset.“[7]

Die von Moi erhobene Forderung gewinnt insofern besondere Rele­vanz, als auch auf wissenschaftstheoretischer Ebene die Existenz universeller Wahrheiten und allgemeingültiger Kenntnisse bezweifelt wird. Hier ist beispielsweise der Konstruktivismus zu nennen, der davon ausgeht, daß nicht ein Sachverhalt wahr oder unwahr ist, sondern lediglich die Beschreibung dieses Sachverhalts wahr oder unwahr sein kann. Die Methode, die es ermöglicht, einen Sachverhalt als „wahr“ zu bezeichnen, hängt davon ab, ob es den Gesprächsteilnehmern und -teilnehmerinnen möglich ist, Konsens über die Beschreibung dieses Sachverhalts zu erlangen. Eine Aussage über einen Sachverhalt ist dann wahr, wenn alle an ihrer Feststellung Beteiligten sowohl ihr als auch den Voraussetzungen, die ihrer Feststellung zugrundeliegen, zustimmen[8].

Für die Literaturwissenschaft bedeutet dies, daß Rezipientin­nen und Rezipienten nicht nur aus ethischen Erwägungen über die einer Arbeit zugrundeliegenden Vorannahmen und Voraussetzungen in Kenntnis gesetzt werden sollten, sondern daß die Vorinformation eine sinnvolle Textrezeption erst ermöglicht. Von daher scheint die ausführliche Darlegung von Definitionen und Vorannahmen im Rahmen dieser Arbeit sinnvoll.

1.2                  Ziel der Arbeit

Den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bildet die Unter­suchung dreier ausgewählter Romane, anhand derer ein möglicher Zusammenhang zwischen der Darstellung der Protagonistin des Romans und ihren Handlungsweisen einerseits und der Entwicklung zur utopischen Gesellschaft andererseits festgestellt werden soll. Hierbei kommt der psychologischen Situation der Protagonistinnen nur insofern Bedeutung zu, als sie ihre Handlungen beeinflußt oder bestimmt. Sie ist jedoch nicht als solche Gegenstand dieser Untersuchung. Vielmehr soll ein gesellschaftspolitischer Bezug gezeigt werden; die gesellschaftlichen Bedingungen, die die Prot­agonistin kritisiert und zu deren Überwindung sie mit  ihren Aktivitäten bei­trägt, sollen ebenso dargestellt werden wie die Entwicklung der Protagonistin anhand ihres Engagements. Die Arbeit schließt ab mit einer Einschätzung der Relevanz feministischer Utopien in Hinblick auf die Entwicklung sozialer, insbesondere feministischer Theorie und Politik.

Die vorliegende Untersuchung soll feststellen, inwieweit feministische Utopien in der Lage sind, einerseits theoretische Forderungen der Frauenbewegung zu reflektieren und literarisch umzusetzen und andererseits zur Weiterentwicklung dieser Forderungen beizutragen. Somit steht die Arbeit im Zusammenhang feministischer Theorienbildung.

1.3                  Auswahl der Romane

Die Auswahl der zu untersuchenden Romane unterlag verschiedenen Kriterien. Zunächst mußte nach pragmatischen Gesichtspunkten die Zugänglichkeit der Texte gegeben sein. LeGuin stellt fest, daß die Werke von Schriftstellerinnen häufig nicht nachgedruckt werden, wenn sie vergriffen sind, daß sie nicht in gängigen Bibliographien erscheinen und weiteren Erschwernissen ausgesetzt sind. Dies gilt, so LeGuin, auch für sehr bekannte Autorinnen. Sie erteilt daher, sicherlich etwas polemisch, folgenden Rat:

„So if you want your writing to be taken seriously, don’t marry and have kids, and above all, don’t die. But if you have to die, commit suicide. They approve of that.“[9]

Ein weiterer Gesichtspunkt der Romanauswahl betraf die Ver­gleichbarkeit der Werke: so sollten die Autorinnen in etwa gleich alt sein, um die Gefahr zu vermeiden, daß Unterschiede lediglich auf einem durch Generationsdifferenzen bedingten Erfahrungshorizont beruhen. Bei­spielsweise waren die Forderungen von Frauen vor der Erlangung des Wahlrechts in den USA 1920 andere als die der nachfolgenden Generation, der es weniger darauf ankam, bestimmte Rechte zu erlangen, als darauf, diese mit Inhalt zu füllen[10]. Andererseits sollte eine gewisse Zeit zwi­schen der Entstehung bzw. Publikation der jeweiligen Werke liegen, um Verbindungen zu unterschiedlichen Pe­rioden der Frauenbewegung und anderen relevanten gesellschaftlichen Gruppen aufzeigen zu können.

Schließlich sollten die Werke einer eng gefaßten Definition des Begriffs Utopie genügen[11].

Diese Kriterien zugrundelegend, wurden drei Werke amerikani­scher Autorinnen ausgewählt. Joanna Russ‘ The Female Man, 1969 ge­schrieben, jedoch erst 1975 veröffentlicht[12], Marge Piercys Woman on the Edge of Time von 1976 sowie der bislang zweiteilige Roman von Suzette Haden Elgin, Native Tongue, 1984 bzw. 1987 erschienen[13].

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[1]              Kaplan, 1985, S. 37
[2]              vgl. Kaplan, 1985, S. 37 f
[3]              LeGuin, Prospects …, 1989, S. 177
[4]              vgl. Cranny-Francis, 1990, S. 2
[5]              vgl. Firestone, 1987, S. 247 ff
[6]              vgl. Kaplan, 1985, S. 38 ff
[7]              Moi, 1985, S. 43
[8]              vgl. Kamlah/Lorenzen, 19872, S. 117 f
[9]              LeGuin, Prospects …, 1989, S. 177
[10]            vgl. Friedan, 19703, S. 66
[11]            siehe Kapitel 2.1
[12]            Vornamen von Autorinnen und Autoren werden im Rahmen die­ser Arbeit ausschließlich bei Primärliteratur genannt.
[13]            Der Titel des zweiten Teils von Native Tongue ist insofern irre­führend, als die amerikanische Originalausgabe unter dem Titel Native Tongue II. The Judas Rose erschien, die Reihenfolge von Titel und Untertitel aber in der englischen Ausgabe geändert wurde.


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