Agnes Witte

Agnes Witte

Texte für alltägliche und besondere Anlässe

4  Zur Geschichte feministischer Utopien

Wenn Holland-Cunz feststellt, die feministische Utopie sei vor 1969 als literarische Kategorie nicht vorhanden gewesen[86], hat sie sicherlich inso­fern recht, als die Kriterien, die definieren, was eine Utopie und was beispielsweise Abenteuerliteratur ist, sich mit dem Wechsel historischer Bedingungen ändern. Zimmermann konstatiert, daß jede Epoche über eigene Ausdrucksformen des Uto­pischen verfügt, und hält es von daher für ge­rechtfertigt, auch von der Utopie des Mittelalters zu sprechen[87]. Auch Bartkowski legt Uto­pien nicht auf bestimmte Zeiträume fest:

„Utopian literature is a genre that arises refashioned for specific epochs. The periodization of utopian writing and thought would seem to chart certain moments of ruptures in Western social history – those times when utopian desires/projective longings  are driven by both hope and fear, those times particularly marked by anticipation and anxiety.“[88]

Mit der Abhängigkeit der Utopiedefinition von historischen Epochen ist auch eine Abhängigkeit der gesellschaftlichen Schichten, die Literatur im allgemeinen und utopische Literatur im besonderen verfaßten, ver­bunden. Im übrigen muß eine moderne Utopie- oder Feminismus-Definition kein Kriterium für die Entwicklung zur femi­nistischen Utopie sein: hier geht es darum, deren Wurzeln auszuma­chen, aus denen sich Traditionen ableiten lassen. Mündliche Über­lieferungen, wie sie beispiels­weise im Mittelalter wesentlich für Etablierung und Verbreitung von Kultur waren, haben spä­testens seit Erfindung des Buch­drucks schlagartig an Bedeutung verloren und sind nur in den sel­tenen Fällen, in denen sie später schriftlich niedergelegt wurden, heute noch zugänglich. Darüber hinaus sind Schriftstellerinnen, wie in Kapitel 1 und Kapitel 3 beschrieben wurde, in der Literaturgeschichte häufig ignoriert worden. Dies hatte zur Folge, daß Werke von Schriftstellerinnen nie systematisch bibliographisch erfaßt wurden, was sicherlich das Vergessen geför­dert hat. Autorinnen, die sich dessen bewußt waren, haben häufig unter einem Pseudonym ge­schrieben, das ent­weder männlich war oder aus dem ihr Geschlecht nicht hervorging[89]. Sie sind infolgedessen kaum als Frauen zu identifizieren.

Da die bibliographische Situation sehr schwierig ist, muß sich das folgende Kapitel auf einige wenige bekannte Beispiele be­schränken[90].

4.1                  Utopien und Science Fiction von Frauen vor dem zwan­zigsten Jahrhundert

Ein frühes Beispiel einer von einer Frau entwickelten utopi­schen Vision macht Liebertz-Grün in der Minnekultur des zwölften Jahrhunderts aus: die Autorin, Marie de France wandte sich gegen feudale Heiratspolitik und Doppelmoral[91]. Sie stellt die Liebe „gegenseitig, sinnenfroh und herr­schaftsfrei“ dar[92]. Ihre Utopie steht nicht im Dienst der landesfürstlichen Herrschaftsideologie:

„Hier belehrt das Exempel viele Menschen, diejenigen, welche schlechte Herren über sich haben, sie sollen sie nicht unter­stützen, sie sollen ihnen weder durch ihren Geist noch durch ihr Gut Bei­hilfe leisten, auf daß sie nicht noch stärker wer­den, vielmehr sol­len sie sie nach Kräften schwächen.“[93]

Aus dem frühen fünfzehnten Jahrhundert stammt Christine de Pizans Werk Das Buch von der Stadt der Frauen, das seit einigen Jahren in deutscher Übersetzung zugänglich ist[94]. Die Stadt der Frauen ist bei Pizan ein Zufluchtsort für Personen weiblichen Ge­schlechts, die über Vorbild­lichkeit in religiöser, intellektueller oder moralischer Art verfügen. Drei personifizierte Tugenden bilden das Material, aus dem die Stadt erbaut ist. Pizan wendet sich gegen ethi­sche, intellektuelle und kreative Diskri­minierung von Frauen.

Die Literaturkritikerin Marx erwähnt bei Renaissanceschrift­stellerinnen ein Streben nach unbeschränktem Zugang zur Kultur für Frauen. Sie bezieht sich hier auf Moderate Fontes Dialog Il Merito delle Donne von 1600, in dem dar­gestellt wird, daß weibliche Gelehrsamkeit erst unter Aus­schluß der Männer möglich sei. Dennoch ist die kulturelle Freiheit nicht ohne Konsequenzen:

„Keuschheit und Abstinenz sind der Preis für eine geistige Unabhängigkeit, die sich erst ‚zur Sprache‘ bringen muß.“[95]

Im siebzehnten Jahrhundert entwickelte Mlle de Scudéry das Ideal eines vollkommenen Umgangs zwischen den Geschlechtern. Die dorthin führenden Regeln sollte sich der Mann aneignen. Über ver­schiedene „Stufen der Bewährung“ sollte er zu „Wertschätzung“ und „Dank“ kom­men[96]. Die bildhafte Sprache war jedoch nicht die einzige Ausdrucksform weiblicher Kritik am herrschenden System und den hierarchischen Struk­turen jener Zeit.

Darüber hinaus wurden im siebzehnten Jahrhundert konkrete politische Forderungen konzipiert, die utopischen Charakter insofern besaßen, als sie die beste­hende Gesellschaft kritisierten und Wege in eine neue, bessere Ge­sellschaft entwickelten. Ein populäres Bei­spiel hierfür ist Mary Astells A Serious Proposal to the Ladies for the Advancement of their True and Greatest Interest von 1694, in dem die Autorin, allerdings noch stark auf die Religion bezogen, Bildung für Frauen fordert[97].

In diesem Sinne als Utopie, wenn auch nicht als lite­rarische, poetische Utopie, zu bezeichnen ist auch Mary Wollstonecrafts A Vindication of the Rights of Women, das 1792 erschien[98].

Eines der bekanntesten Werke, die je von Frauen geschrie­ben wur­den, ist Mary Wollstonecraft Shelleys Frankenstein; or, The Modern Prometheus (1816). Obwohl kaum als Utopie zu bezeichnen, erscheint Frankenstein im Nachhinein als dystopische Warnung vor der Selbstüber­schätzung moderner Wissenschaftler und Wissenschaft­lerinnen. Im Roman gelingt es einem Wissenschaftler, einen funktio­nierenden menschlichen Körper aus Leichenteilen zusammenzusetzen. Das Experiment gelingt zwar, jedoch verselbständigt sich die ent­standene Kreatur und wird zum Mörder ihres ErschöpfersFrankenstein[99]. Bei ihrem anderen der Science Fiction zuzurechnenden Text, The Last Man (deutsch: Verney, der letzte Mensch), 1826 erstmals erschienen, handelt es sich um einen Apokalypse-Roman. Ungewöhnlich für die Zeit der Entstehung ist, daß der Untergang der Menschheit nicht als Jüngstes Gericht, sondern als fast zwangsläufige Naturkatastrophe dargestellt wird[100].

1833 entstand Claire Démars Schrift Meine Moral der Zukunft, die zwar utopisch, jedoch eher eine politische Kampfschrift ist. Démar fordert darin unter anderem die Abschaffung der Mutterschaft als soziale Funk­tion:

„Ich sage, keine Mutterschaft mehr: So wird es sein, wenn die Frau vom Joch der Bevormundung und des Schutzes der Männer befreit und emanzipiert sein wird, wenn sie weder Nahrung noch Lohn von ihnen erhalten wird und sie ihr nicht länger ihren Körper bezahlen werden. Dann wird die Frau ihre Existenz, ihre soziale Position nur aus ihrer Fähigkeit, aus ihrem Werk beziehen!“[101]

Die feministische literarische Utopie begann gegen Ende des neun­zehnten Jahrhunderts, in einer Zeit, in der die Utopie insgesamt einen Aufschwung erlebte, mit einer Anzahl von Veröffentlichungen auf den Markt zu treten[102]. Als Beispiel sei hier Annie Denton Cridges‘ Man’s Right: Or How Would You Like It? von 1870 genannt, eine Rollentausch-Ge­schichte, die auf dem dadurch hervorgerufenen Ver­fremdungseffekt auf­baute[103]. Eine der bekanntesten Utopistinnen dieser Epoche ist Bertha von Suttner, deren Roman Das Maschinenzeit­alter 1889 unter dem Pseudonym ‚Jemand‘ erschien. Über Das Machinenzeitalter schreibt Linden­struth:

„In Form von Vorlesungen, gehalten in einer fiktiven Zukunft, be­schreibt Bertha von Suttner die Mißstände des ausgehenden neun­zehnten Jahrhunderts bzw. speziell der Jahre 1885/86. Gleichzeitig hebt sie aber auch die positiven Tendenzen her­vor, die die Wurzeln der bestehenden besseren Welt in der – fiktiven! – Gegenwart der Vorlesungen darstellen würden.“[104]

Von Bertha von Suttner erschienen zu Beginn des zwanzigsten Jahr­hunderts weitere Utopien, auf die in Kapitel 4.2 näher einge­gangen wird.

Biesterfeld nennt für das ausgehende neunzehnte Jahrhundert die Werke einiger Auto­rinnen, wie Mary Fox‘ The Southerlanders. An account of an expe­dition to the interior of New Holland (1848)[105], Elisabeth Stuart Phelps‘ The Gates Ajar (1870)[106], Marianne Farninghams Nineteen Hundred? A forecast and a story (1892)[107] und Augusta Theodosia Dranes The New Utopia (1898)[108].

Nicholls erwähnt darüber hinaus Mary E. Bradleys Mizora von 1890, das von einer nur aus Frauen bestehenden Gesellschaft in einer Hohlwelt handelt[109]. Inwie­weit diese Utopien nun alle explizit feministisch sind, ist jedoch fraglich. Bartkowski zumindest kritisiert in Hin­blick auf die Utopien je­ner Epoche das gängige Frauenbild:

„While there were numerous all-female utopias produced in the nineteenth century, they were far from feminist, in that they tended to idealize the ‚true‘ woman of the domestic sphere, not the ’new‘ woman.“[110]

Ob nun die feministischen Utopien allesamt explizit femini­stisch oder explizit utopisch waren, sei dahingestellt: auf jeden Fall existierte um die Jahrhundertwende eine, wenn auch zahlenmäßig vergleichsweise unbedeutende, Tradition, auf der die Utopistinnen des zwanzigsten Jahr­hunderts aufbauen konnten.

4.2                  Utopien und Science Fiction von Frauen im zwanzigsten Jahrhundert

Bücher jüngeren Erscheinungsdatums sind in der Regel leichter zu beschaffen als ältere. Im Gegensatz zum vorange­gangenen Abschnitt die­ser Arbeit bestand hier folglich die Schwierigkeit nicht nur darin, über­haupt überlieferte Texte zu finden, sondern auch darin, eine Auswahl zu treffen. Das wesentliche Kriterium für die Auswahl bestand wieder, wie in Kapitel 1.2 erwähnt, in der Zugänglichkeit der Texte. Die schwierige bi­bliographische Lage zugrundelegend (s.o.), kann die interessierte Leserin nicht systematisch vorgehen, sondern ist häufig auf Zu­fallsfunde ange­wiesen, was keinerlei Rückschlüsse über Anzahl und Qualität produzierter Werke zuläßt, sondern bestenfalls solche auf Geschmack und finanzielle Potenz der (meist männlichen) Verleger[111]. Schließlich sollte eine Ent­wicklung dargestellt werden, so daß es sich anbot, Autorinnen aus ver­schiedenen Jahrzehnten zu wählen[112].

Bertha von Suttner, deren erster utopischer Roman Das Maschi­nenalter im vorangegangenen Kapitel bereits erwähnt wurde, veröf­fentlichte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zwei weitere Utopien: Schach der Qual (1907) und Der Menschheit Hochgedanken (1911). Linden­struth bezeichnet Der Menschheit Hochgedanken als Vor­läufer modernen fe­ministischer Utopien:

„Denn neben der Überwindung des Militarismus und damit auch der Verbesserung der sozialen Situation der Menschen, ist der zentrale Gedanke (…) die Entwicklung der Frau zu einer wirtschaftlich un­abhängigen und geistig selbständigen Person.“[113]

In Rosa Voigts 1909 veröffentlichtem utopischen Roman Anno Domini 2000 durchleben die Frauen einen „Bewußtseinswandel zum eigentlichen Wert des Menschen, der in seinem Charakter, seiner Bildung, seinen Lei­stungen und seinem sozialen Verhalten“ besteht[114]. Eine Erhebung aller Frauen war notwendig, um auch das Bewußtsein der Männer zu verändern.

Eine der bedeutendsten feministischen Utopien vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist zweifellos Charlotte Perkins Gilmans Her­land[115]. 1915 als Fortsetzungsgeschichte entstanden[116], beschreibt es eine ausschließlich aus Frauen bestehende Gesellschaft, die sich durch Par­thenogenese  reproduziert. Neu ist in diesem Roman die nichthierarchi­sche Gesellschaft, die die Frauen aufgebaut haben, und die Betonung ih­rer Furchtlosigkeit. Drei verschiedene Frauentypen werden gleichberech­tigt nebeneinandergestellt. Entdeckt wird die Frauengesellschaft durch drei männliche Abenteurer, von denen einer als Erzähler fungiert. Gilman, 1860 geboren, war eine der Aktivistin­nen der amerikanischen Frauenbe­wegung. Von ihr erschienen mehrere feministische und sozialkritische Studien, jedoch keine weite­ren Utopien[117].

Einem Randgebiet der Science Fiction zuzuordnen ist auch Virginia Woolfs Roman Orlando. A Biographie, der erstmals 1928 pu­bliziert wurde[118]. In einer fiktiven Biographie beschreibt der Protagonist/die Protagonistin sein bzw. ihr (unsterbliches) Leben vom Elisabethanischen Zeitalter bis ins zwanzigste Jahrhundert und wechselt dabei mehrfach das Geschlecht. Ebenso wie Gilman hat auch Woolf mehrere feministische theoretische Bücher verfaßt.

Im Gegensatz zu Gilmans Herland und Woolfs Orlando, sind die Romane und Kurzge­schichten C.L. Moores kaum als explizit femini­stisch zu be­zeichnen[119]. Ein Großteil ihres Werkes hat sie gemeinsam mit ihrem Ehe­mann Henry Kuttner unter dem Pseudonym Lewis Padgett verfaßt[120] . Sie hat, insbesondere in den von ihr allein verfaßten Texten, starke Frau­enfiguren entwickelt, die sich jedoch ansonsten kaum von den be­kannten männlichen Helden der Sword and Sorcery-Literatur[121] unter­schieden:

„Über Guischards Zugbrücke galoppierte Jirel, Joirys kühne Reckin“[122],

beginnt Moores Kurzgeschichte Der Turm der Welten, die Mitte der dreißiger Jahre erschien[123]. In der Folge kämpft Jirel gegen die mächtige Zauberin Jarisme, der es fast ge­lingt, sie zu überwäl­tigen. Selbstverständlich ge­winnt Jirel letztend­lich:

„Jirel straffte die Schultern. Sie hatte ihren Schwur gehalten. Ohne einen Blick zurück schritt sie durch das Gras, immer näher zu der hinter dem Hain versteckten zerfallenen Burg, in der das Tor zu ihrer Welt auf sie wartete.“[124]

Jirel of Joiry ist ganz bestimmt keine feministische Heldin im Sinne der in Kapitel 2 definierten Weise, und Moores Kurzgeschichte ist ganz bestimmt keine Utopie im Sinne der vorgenannten Defini­tion. Wären Moores Werke zwanzig oder dreißig Jahre später erschie­nen, würden sie an dieser Stelle sicherlich nicht erwähnt. Was Jirel so besonders macht, ist ihr überraschendes Auftreten in einer (fiktiven) Welt, die zuvor ausschließ­lich von Männern besetzt gewe­sen war:

„‚Ich bin gespannt, wie der Kerl aussieht, der uns den Sieg so schwer machte. Herunter mit seinem Helm!‘ (…) Joirys Herrin fun­kelte ihn wütend an. Ihre gelben Augen brannten unter den zer­zausten Locken. (…) ‚Gott verdamme Euch!‘, fauchte Jirel von Joiry zwischen zusammengepreßten Zähnen. ‚Möge der Teufel Euer schwarzes Herz holen.'“[125]

Ähnlich erstaunt wie Jirels Gegner Guillaume in Moores erster Jirel of Joiry-Geschichte Der Kuss des schwarzen Gottes von 1934 dürften auch Leserinnen und Leser gewesen sein, als sich in einer typischen Männerdomäne plötzlich eine Heldin auf den Weg machte, das Böse zu be­siegen, und noch dazu eine mit derart schlechten Manieren. Von daher kommt Moores Werken sicherlich eine Vorbild­wirkung zu: hier wird eine starke Heldin als Identifikationsfigur angeboten, die stärker ist als ihre männlichen „Kollegen“, die führen und kämpfen kann, aber dennoch zwei­fellos weiblichen Geschlechts ist. In diesem Sinne ist Moores Jirel of Joiry utopisch: sie hat gezeigt, daß so etwas möglich ist.

Wesentlich weiter als Moore geht Judith Merril mit ihrer Darstel­lung ambivalenter Frauenrollen. In That Only a Mother von 1948 problemati­siert sie die Reduzierung einer Frau auf ihre Mutterrolle, die soweit geht, daß diese Frau außerstande ist zu erkennen, daß ihr Kind, ohne Beine und Arme geboren, behindert ist[126]. Einer ihrer bekannte­sten Texte, Daughters of Earth (1953), ist eine Chronik mehrerer Generationen von Entdeckerinnen im Weltraum[127]. Die Bedeutung Merrils in Hinblick auf fe­ministische Inhalte erläutert Hull:

„Working as one of the very few women in the SF field during an era when women where usually dumped with robots and aliens and treated as plot features rather than characters, Merril introduced a ‚woman’s angle‘-fiction unlikely to have been written by a man, usually with a female central charac­ter, yet still (…) exciting to readers of both sexes.“[128]

Obwohl die feministischen Ansätze Merrils weit über die Moores hin­ausgehen, gilt auch für sie, daß sie kaum als Utopien zu be­zeichnen ge­wesen wären, hätten sie nicht eine Pionierinnenfunktion. Ähnliches gilt für Zenna Hendersons Pilgrimage: The Book of the People (zwischen 1951 und 1959 als Fortsetzungen er­schienen) und The People: No Different Flesh, das zwischen 1962 und 1965 ebenso wie der erste Band in Fortsetzungen erschien[129]. Henderson beschreibt die Geschichte eines extraterrestrischen Volkes, das von seiner Welt vertrieben wird und auf der Erde not­landet. Die Migranten und Migrantinnen werden wegen ihrer umfassenden tele­pathischen, telekinetischen, teleportischen usw. Fähigkeiten auf der Erde diskriminiert, finden sich in einem abgelegenen Tal zusammen und ent­wickeln dort eine ihren Fähigkeiten angemessene Gesell­schaftsstruktur, die durch ihre gegenseitige Liebe und Zuneigung aufrechterhalten wird. Wenngleich Hendersons Charaktere noch sehr in traditionellen Männer- und Frauenrollen aufgehen, ist die Wert­schätzung von Personen ausschließlich von der Ausbildung ihrer Talente abhängig, und diese sind bei Männern und Frauen gleich verteilt[130].

Eine weitere bedeutende Science Fiction-Autorin der fünfziger und frühen sechziger Jahre ist Margareth St.Clair. Sie veröffentlichte zahllose Kurzgeschichten und Romane, darunter The Green Queen (1956), ein Ro­man, der in einer nuklear verseuchten Welt spielt, welche auf eine Re­volution zusteuert. Über St.Clairs Protagonistinnen schreibt Urbanek:

„Sie präsentierte (…) glaubhafte weibliche Hauptfiguren, nicht nur Heldinnen, die ihren männlichen Gegenparts und Kollegen gleichbe­rechtigt waren, sondern auch einfache Frauen, Mütter und Kinder, die einfühlsam charakterisiert waren, und ließ als erste weibliche Elemente in ihre ansonsten zumeist abenteu­erorientierten Texte einfließen.“[131]

Kate Wilhelms frühe Werke sind kaum als feministisch zu be­zeichnen. Bis zum Beginn der siebziger Jahre entwickelte sie Per­siflagen düsterer Szenarien von Aliens bzw. Ergebnissen wissen­schaftlicher Fehlver­suche, die die Erde heimsuchen und dabei Angst und Schrecken verbreiten[132]. Ihr späteres Werk basierte immer noch auf Themen der Science Fiction, ging jedoch teilweise weit darüber hinaus. Hier sangen früher Vögel ist eine Dystopie, die in den USA in naher Zu­kunft spielt[133]. Die Erde wird durch Umweltzerstörung, Kriege und  Wirtschaftskrisen ruiniert. Vom letzten großen Konflikt bleibt soviel radioaktive Strahlung zurück, daß die Fortpflanzungs­fähigkeit der Menschen über Generationen hinweg zerstört ist. Eine kleine Gruppe von Menschen hatte die Zeichen der Zeit jedoch er­kannt und sich, da sich glücklicherweise hochqualifizierte Wissen­schaftlerinnen und Wissenschaftler unter ihnen befanden, frühzeitig me­dizinische Geräte besorgt, die ihnen nach der Katastrophe ermög­lichen sollten, die unfruchtbaren Generationen durch Cloning zu überbrücken. Das Pro­jekt gelingt zwar, jedoch treten unvorhergese­hene Schwierigkeiten auf, da die Clones nicht bereit sind, natürliche Fortpflanzung wieder zuzulassen. Dem Protagonisten gelingt es, mit einigen fruchtbaren Frauen zu fliehen und eine neue menschliche Zivilisation aufzu­bauen.

In den siebziger und achtziger Jahren erschien eine Anzahl femi­nistischer Utopien. Drei Beispiele, die mir einerseits typisch er­scheinen, andererseits jedoch in ihrer jeweiligen Eigenart prägend für die weitere Entwicklung (positiver wie negativer) utopischer Vi­sionen waren und sind, werde ich in den folgenden Kapiteln dieser Arbeit vorstellen: Joanna Russ‘ The Female Man, 1969 geschrieben, jedoch erst 1975 veröf­fentlicht; Marge Piercys Woman on the Edge of Time von 1976 und, last but not least, Suzette Haden Elgins Native Tongue von 1985 bzw. 1988.

>> weiter zu Teil 5 – Vorstellung der Romane, der Autorinnen und ihrer Protagonistinnen


[86]            vgl. Holland-Cunz, 1988, S. 190

 

[87]            vgl. Zimmermann, 19872, S. 29

[88]            Bartkowski, 1991, S. 7

[89]            vgl. Nicholls, Women, 1981, S. 661

[90]            Ein Buch, das sich speziell mit der Thematik befaßt und von dem ich mir viel versprochen hatte, stand mir leider nicht rechtzeitig zur Verfügung. Es handelt sich dabei um Roger C. Schlobins Urania’s Daughters: A Checklist of Women Science Fiction Writers 1697 – 1982; Mercer Island, Washington, Star­mont House, 1983

[91]            vgl. Liebertz-Grün, 1989, S. 20

[92]            Liebertz-Grün, 1989, S. 21

[93]            Marie de France, Äsop, zitiert nach Liebertz-Grün, S. 23

[94]            Pizan, 19872

[95]            Marx, 1989, S. 47

[96]            vgl. Baader, 1989, S. 80

[97]            vgl. Brody, 1992, S. 86

[98]            Wollstonecraft, 1992

[99]            Shelley, 1974

[100]          Shelley, 1982

[101]          Démar, 1981, S. 240

[102]          vgl. Bartkowski, 1991, S. 7 ff

[103]          vgl. Sauter-Baillet, 1984, S. 359

[104]          Lindenstruht, 1991, S. 3

[105]          vgl. Biesterfeld, 1982, S. 79

[106]          vgl. Biesterfeld, 1982, S. 79

[107]          vgl. Biesterfeld, 1982, S. 80

[108]          vgl. Biesterfeld, 1982, S. 81

[109]          vgl. Nicholls, Women, 1981, S. 661

[110]          Bartkowski, 1991, S. 9. Bartkowski bezieht sich hier offen­sichtlich auch auf eine Anzahl von Utopien, die von Männern geschrieben wurden. Nicholls (Women, 1981) erwähnt einige dieser Utopien und betont deren teilweise antifeministische Haltung (vgl. S. 661).

[111]          In den vergangenen Jahren sind allerdings eine Reihe hervor­ragender Sekundärwerke erschienen, je­doch stellt sich auch hier wieder das Problem der Zugänglichkeit.

[112]          Die Auswahl der Romane ist sicherlich subjektiv. Es gibt ei­nige Autorinnen, die ich lieber außer acht ließ als andere. Dennoch war ich bemüht, eine (nach Maßgabe der Möglichkei­ten) repräsentative Auswahl zu treffen.

[113]          Lindenstruht, 1991, S. 5

[114]          Lindenstruth, 1992, S. 1

[115]          Gilman, 1979

[116]          vgl. Bartkowski, 1991, S. 23

[117]          vgl. Meyering, S. 316 f

[118]          Woolf, 1984

[119]          vgl. auch Kapitel 2.3

[120]          vgl. D’Ammassa, 1991, S. 570

[121]          neben Sword and Sorcery ist auch der Begriff Heroic Fantasy üblich

[122]          Moore, 1976, S. 12

[123]          Vermutlich existieren genauere Belege über den Zeitpunkt der Ent­stehung von Moores Geschichten, mir waren diese jedoch nur un­vollständig zugäng­lich

[124]          Moore, 1976, S. 59

[125]          Moore, 1976, S. 61

[126]          vgl. Merril, That only …, 1976, S. 25

[127]          vgl. Merril, Daughters …, 1976, S. 75 ff

[128]          Hull, 1991, S. 556

[129]          vgl. Clute, 1981, S. 279

[130]          vgl. Henderson, 1962 und Henderson, 1966

[131]          Urbanek, 1992, S. 3

[132]          Hier sind insbesondere The Clone (1968), zusammen mit Ted Thomas geschrieben, und The Killer Thing (1967) zu nennen; vgl. Sargent, 1991, S. 863

[133]          Wilhelm, 1978. Die amerikanische Originalausgabe erschien 1976 unter dem Titel Where Late the Sweet Birds Sang (New York: Harper)


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